n.17 Sie sagten Dinge, die sie nicht über sich wussten

Auf der Spielemesse in Cannes entstand aus Versehen ein neuer, rein kooperativer Spielmodus. Über Otter im Fluss, die tri-soziative Dechiffrierung und warum Insightopia jetzt zwei Spiele in einem ist.

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n.17 Sie sagten Dinge, die sie nicht über sich wussten
Insightopia 5.4.2 at Festival des Jeux in Cannes 2026

Über einen Spieltisch in Cannes, das Verbinden mit sich selbst und das Geschenk aus dem Nichts.

Dear wunderbarer Human,

Ich melde mich mit einem „Was geht ab?!“ zurück! Oder vielleicht doch mit weniger Hype: "Wir leben. In verrückten Zeiten." Sicher sind, seit du das letzte Mal hier reingekommen bist, mehrere Lebenskrisen in dich rein und wieder herausgerauscht. Ich meine, wann hast du zuletzt einmal gedacht: „Waaas damit habe ich vor einer Weile noch gekämpft und jetzt, jetzt bin ich in einem komplett neuen Salat. Doch irgendwie scheint es durchweg essbar zu sein – oder kommt das nur mir so vor? Wir knabbern hier, wir snacken eine Challenge dort. Around and around and around we go. (Ups, now, you get now a new Ohrwurm, did you know?)

SOS! Suche nach dem energieeffizientesten Zustand. Ich kehre gerne hierhin zurück, wenn ich mich inspiriert fühlen will. Also in diesen Newsletter mein ich, ganz konkret. Merkst du das auch, diesen heftigen Sog aus den sozialen Medien, dieses Streben nach Dopamin, diesen Reiz, etwas Neues haben zu wollen, jemand anderes oder mit jemand anderem sein zu wollen? Wisst ihr, gerade saß ich mit einem guten Kollegen, Jonas – btw.: Wir haben seit letztem Sonntag einen Podcast zusammen, den findest du hier – und wir kamen auf das Thema zu sprechen, was so unsere intuitive Wunschvorstellung für ein erfülltes Leben sein könnte.

Warte mal kurz… Versuch, bevor die hier einfach weiterliest, dich mal mit deiner eigenen intuitiven Vorstellung eines wahrhaft erfüllten Lebens zu verbinden. Nur mal so einen Moment mit dir selbst, im Kontakt. Was nimmst du wahr? Ist da ein bestimmtes Körpergefühl? Ein Impuls, ein inneres Bild, eine Handlung, die gerade jetzt wirklich wichtig zu sein scheint? Geh dem Schlamassel nach und vergiss mal kurz, hier weiterzulesen. Wäre doch viel spannender, wenn wir beiden diesem Aspekt nachgehen und uns dann an einem so ganz abgefahrenen, spacey Ort wiederfinden, den noch keiner kennt. So maximaler Anfängergeist, weil wir auf eine Art mit uns in Kontakt sind, wie es einfach nur noch aufregend ist. Als ob du dir selbst ein Geschenk machst – aus dem NICHTS. Wobei dieses Nichts eigentlich etwas ganz Eigenes ist. So eigen, dass du nur diesen verdammten Witz verstehen würdest, weil es etwas in dir zum Schwingen, zum Verbinden bringt, was zuvor einfach verhakt geblieben ist.

Du liest ja immernoch? Es sei dir verziehen. Sich in fremden Gedanken zu befinden, kann paradoxerweise, einen auch mit sich selbst verbinden. So geht es mir zurzeit mit Brandon Sandersons Sturmlicht-Chroniken. So delikat. Hmmmmmmm. Nein, wirklich. Also wirklich, wirklich wunderbar.

Die französische Spielemesse in Cannes wirkt noch immer nach. Es war eine gänzlich verrückte Erfahrung, unser Spiel dutzende Male mitzuerleben und kein Wort zu verstehen. Am ersten Tag haben wir noch versucht, auf Englisch zu spielen, doch wurde schnell klar, dass der richtige Flow vor allem auf Französisch stattfand. Und das Kurioseste war, dass wir während der Messe einen gänzlich neuen Spielmodus entwickelt haben. Kooperativ-Delux könnte man ihn wohl nennen. Und fast alle wollten auf diese Art spielen. Du musst wissen, Insightopia wurde als semi-kooperatives Spielerlebnis entworfen. Bedeutet: Alle verfolgen das gemeinsame Ziel, durch neue Erkenntnisse bis nach Insightopia zu kommen und sich durch das Interpretieren von Bildkarten und das Beantworten von Fragen weiterzuentwickeln. Gleichzeitig dazu gibt es eine sogenannte Social-Deduction-Mechanik (ähnlich wie im Spiel Werwolf), die jedem/jeder eine individuelle geheime (prosoziale) Mission unterjubelt, durch welche Punkte generiert werden können. Auf der Messe dann, wurde uns klar, dass die neue, rein kooperative Spielform (ohne Social Deduction) nochmal niederschwelliger für den Einstieg ins Spiel geeignet ist. Dementsprechend gibt es jetzt quasi 2 Spiele in einem. Und es fühlt sich nochmal runder an.

Welche Fähigkeiten will Insightopia in den Spielenden hervorkitzeln? Das ist eine ganz zentrale Frage für uns. Da wir uns als Verlag verstehen, der Spiele kreiert, um Skills fürs echte Leben und echte Verbindungen zu fördern, ist es uns wichtig, Menschen in Erfahrungsräume zu befördern, die ihre Potenziale zum Erblühen bringen. In Frankreich hatten wir viele Paare und Freundesgruppen, die uns nach dem Spielen gesagt haben, dass sie Dinge gesagt haben, die sie gar nicht über sich wussten. Besonders spannend waren für mich persönlich die Abschlussrunden. In der letzten Runde des Koop-Modus hat jeder/jede SpielerIn 3 magische Visionskarten. Das sieht dann ungefähr so aus:

Und die Aufgabe ist, eine letzte, persönliche Erkenntnis aus dem Zusammenspiel der 3 Bilder abzuleiten. Ach, es ist so eine intensive Energie, wenn alle schweigen und brüten, fühlen, denken und zu guter Letzt wirklich, wirklich wunderbare Antworten geben. Lange nannten wir dieses Spielelement die „tri-soziative Dechiffrierung“. Wir haben den Namen aus Gründen der kollektiven Verwirrung zwar gestrichen, doch hier in meinem Newsletter darf ich ja so viel darüber schwadronieren, wie ich es für angemessen halte. Du bist noch da? Perfekt! Also, durch einen genialen Menschen namens Koester, wurde ich vor 6 Jahren mit dem Konzept der Bisoziation vertraut. Hier eine kleine Referenz zum Wikipedia-Artikel:

Bisoziation bezeichnet den kreativen Vorgang der Verknüpfung von Begriffen, Bildern oder Vorstellungen aus unterschiedlichen begrifflichen Bezugsrahmen. Der Begriff wurde von Arthur Koestler in seinem Werk The Act of Creation(1964; deutsch: Der göttliche Funke, 1966) in Anlehnung an das Wort „Assoziation“ eingeführt und gilt heute als ein Grundbegriff in der Kreativitäts- sowie in der Humor­forschung.

Damals in meiner Masterarbeit habe ich noch untersucht, inwieweit verbaler und visueller Humor mit solchen Bisoziationen unterschiedlich funktioniert und ob kognitive Typen darauf einen Einfluss haben. Die Trisoziation war dann folgerichtig meine persönliche Weiterführung dieser Reise und auf eine Art eine Antwort auf die Frage, welche Skills Insightopia im besten Fall bei den Spielenden zum Leben erweckt. Und das Verrückte ist: Es funktioniert. Ob ihr’s glaubt oder nicht, ich war überrascht, wie smooth die Gehirne meiner TestspielerInnen mit diesem Task umgegangen sind. Als ob wir Otter wären, die endlich in einen kühlen Fluss hüpfen dürfen, sind die Metaphern und Gedankenbrücken zwischen den Bildkarten nur so in luftige Höhen geschossen.

Playful practice 😜: Fühl dich stolz und unfertig zugleich.

Das habe ich auf der Messe gemerkt. Irgendwie läuft das Game immer runder. Menschen verstehen nach wenigen Minuten, was zu tun ist, und können für 30–90 Minuten eine richtig schöne Zeit zusammen haben. Und gleichzeitig sprudeln die Ideen im Hintergrund immer weiter, wie ein Geysir, der so richtig in Fahrt kommt. Deswegen: Harrt noch etwas aus. Erzählt Menschen davon. Am besten unterstützt ihr uns dadurch. Ich spüre ganz tief in meinem Bauch und vor meinen inneren Augen, dass die SpielE, die da gerade heranreifen, einen ganz eigenen Twist haben. Einen Twist, der die Art und Weise, wie wir spielen, wie wir leben wollen, wo unsere Kraft und Aufmerksamkeit hingeht, umzugraben vermag. Wie so ein kleiner, süßer Maulwurf, der sich aus dem Boden schält und die frische Erde von den Pfoten schüttelt. (Ich weiß nicht, ob die das echt so machen …)
Lasst uns Bock auf Leben haben. Gerade in diesen spacey Zeiten. Lasst uns gemeinsam Spiele entwerfen, die keine Flucht vorm Alltag sind, sondern Spiele, die unseren Alltag viel weniger alltäglich werden lassen.

Mit Liebe und Kraft,

Daniel & die Playtipus Crew