n.18 Mein Dumb-Phonifizierungsprozess
Adolin aus den Sturmlicht-Chroniken über den Mut zur Kurskorrektur, ein zwei Jahre altes Dumbphone-Experiment und die Frage, worauf man einen Eid schwören kann, wenn Verlässlichkeit selbst nicht verlässlich ist.
Wie ein radikaler Rückzug aus dem Digitalen mich lehrte, dass nicht jedes
Ideal bis zum bitteren Ende durchgezogen werden muss.
Was hältst du von der Idee eines Eides? … und worauf würdest du überhaupt einen Eid geben?
You can find the English translation below:
Adolin, Königssohn und hochmoralischer Dude aus den Sturmlichtchroniken, sagt, dass er vor allem Respekt vor den Menschen hat, die den Mut aufbringen zuzugeben, wenn sie sich geirrt haben – und im drastischsten Fall: ihren Eid zu brechen. Diese Fähigkeit der Kurskorrektur widerstrebt der Idee von unbedingter Loyalität in dem Punkt, dass sie das Nicht-Wissen inkludiert. Wir können sagen, ich will „die beschützen, die sich nicht selbst schützen können" und das auch in diesem Moment zu 100% fühlen – und doch besteht die Möglichkeit, dass wir an einen Punkt kommen, an dem uns klar wird, dass wir diesem Ideal nie ganz entsprechen werden, da die Prämisse von Haus aus unrealistisch war.
Diese überschäumende idealistische Idee von etwas, von einer Haltung, einem Versprechen, einem Entschluss – setzt am Punkt ihrer Entstehung Kraft frei, da sie einen Zielzustand definiert und uns damit einen Korridor zum Streben eröffnet.
Doch ab dem Moment der Fortbewegung hin zu diesem Ziel verändern wir uns und zwingendermaßen mit uns unsere Perspektive. An einem konkreten Beispiel: Ich fasse den Entschluss, meine Bildschirmzeit drastisch zu reduzieren, um dem Ideal näher zu kommen, meinen Kindern später nicht vorzuleben, ein digitaler Dauerkonsument zu sein, und stattdessen mit ihnen präsente Zeit in der physischen Welt zu verbringen. Ab diesem Entschluss fanden mich natürlich auch passende Produkte und ich erwarb ein Dumbphone. Das ist knapp 2 Jahre her. Das Dumbphone wiederum begünstigte Entscheidungen wie den kompletten Rückzug aus allen Messengern und sozialen Medien etc. So kam es, dass ich zwar wirklich meine Bildschirmzeit auf einen Tiefpunkt hinentwickelte und trotzdem merkte, dass dieses Ziel sich gar nicht nach dem wirklichen Ziel anfühlte.

So musste ich mir eingestehen, dass ich vielleicht zu voreilig war und manche Aspekte des Digitalen nicht komplett grundlos sind. Mir wurde klar, wie schön ich es finde, spazieren zu gehen und mit Freunden Sprachnachrichten auszutauschen. Ich verstand, wie wichtig es für mich ist, die Möglichkeit zu haben, unabhängig durch die sozialen Medien mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen – mit dir, der du womöglich gerade nur hier bist, eben weil ich meinen persönlichen Dumb-Phonifizierungsprozess noch nicht bis zum bitteren Ende durchgezogen habe.
Playful practice 😜: Ein offenes Ende
Ich will auch gar nicht zu tief rein in dieses Rabbit Hole rund um einen gesunden Umgang mit Technologie und welche Ideen in Form von Produkten, Protokollen und Werkzeugen da draußen gerade kursieren. Mir geht es vor allem darum, einmal ganz klar und deutlich einzugestehen, dass ich nicht weiß, was richtig ist, und es womöglich auch nie erfahren werde. Und das fühlt sich aufwühlend und gleichzeitig beruhigend an. Wir leben auf einem atemberaubenden, mysteriösen und zutiefst rätselhaften Planeten und dafür bin ich dankbar. Ich bin dankbar dafür, mit mir und dir gerade in einen solchen Kontakt gekommen zu sein. Und auch wenn wir noch viele Kurskorrekturen in unserem Leben vor uns haben, wünsche ich uns, dass wir diese Korrekturen im Spielmodus machen können. Dass wir unsere Nervensysteme so versorgen, dass sie gar keinen Grund haben, in den Notfallmodus zu wechseln, dass wir Glaubenssätze, die Bedrohlichkeitsideen hinter jeder Ecke zu erkennen mögen, abschütteln wie eine alte, zu enge Haut und eintauchen in die schiere Unendlichkeit unseres spielerischen Potentials als Menschen auf einem mehr als spacigen Planeten.
und vielleicht ist das mein Eid – nicht auf einen Zustand, sondern auf die Bereitschaft zur Korrektur selbst. Mit dem flexiblen Ziel stets flexibel zu bleiben und sich nicht an festgezurrten Sicherheitsnetzen aufzureiben.
Mit Liebe,
Daniel